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Eine Idee von Fotografie

Fredi Rubi

 

Fotografieren ist eine Technik des Sehens, die von der Wahrnehmung des Auges über die Betätigung des Auslösers bis zur Bildbearbeitung am Computer reicht. Durch den Willen, eine Fotografie anzufertigen, sehen meine Augen anders, als wenn ich nur spazieren gehe oder mich zwischen zwei Punkten bewege. Ich fotografiere nicht, weil ich etwas Gesehenes festhalten will, ich fotografiere, weil ich etwas Bestehendes sehen will. Das funktioniert über die Gesetze des Ausschnitts und der Serie.

 

Fotografieren ist eine Teilung der Totalität der Wirklichkeit in bildhafte Ausschnitte. Es braucht niemand zu glauben, dass er in der Lage wäre, die Totalität der Wirklichkeit wahrnehmen zu können. Es dürfte vielmehr so sein, dass man nicht einmal einen Teil davon zu einer echten Kenntnis bringen kann. Dadurch, dass man selbst Bestandteil dieser Wirklichkeit ist, und diese als Ganzes  sich in ständiger Bewegung befindet und sich deshalb in keinem ihrer Bestandteile je wiederholen kann, ist man kaum in der Lage, auch den kleinsten Passus „wirklich“ wahrzunehmen. Man fällt in das Sehen gewohnter Sinn-Summen zurück, die zumeist stark kulturell vorgeprägt sind: die „Berge“, der „Sonnenuntergang“, das „Schloss“, der „Strand“ usw. Was man vermeintlich als Besonderheit aus dem Meer der Totalität herausfischt und als Einzelheit zu erkennen glaubt, ist in Wahrheit nur das Resultat eines summarischen Sehens, das oft aus einem medial gelernten Rendern von Sinn-Schnipseln und Erkenntnisfragmenten besteht. Die Fotografie schneidet bestimmte Wirklichkeitsbezüge aus der Wirklichkeit aus und stellt sie als Bild in einen neuen Wirklichkeitsbezug, sie wird selbst zur Wirklichkeit und verändert damit den Blick auf die fotografierte Wirklichkeit.

 

Fotografieren ist grundsätzlich eine serielle Form der Bilderfassung, und das in zweierlei Hinsicht. Erstens ist jedes einzelne Bild zumeist ein ausgesuchtes und erarbeitetes Resultat aus vielen Bildern. Wenn ich eine Fotografie (in welchem Zusammenhang auch immer) veröffentliche, habe ich vorher eine ganze Reihe Aufnahmen gemacht. Fotografie ist ein schnelles Medium, der Zufall spielt dabei immer eine gewisse Rolle, und wenn er beim Shot auch schon von der Erfahrung und der Intuition stark gesteuert wird, so wird er bei der Auswahl und Nachbearbeitung in ein Netz von künstlerischen Intentionen eingesponnen. Zweitens gestattet die Fotografie die Begleitung eines Objektes oder einer Objektgruppe über eine längere Zeit hinweg. Ich fotografiere immer dasselbe, zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten, in unterschiedlichen Stimmungen und aus verschiedenen Blickwinkeln. Ich nenne das „Porträtieren“ und fasse diese Arbeiten unter dem Begriff „Projekte“.

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